{"id":2847,"date":"2019-10-07T22:58:14","date_gmt":"2019-10-07T20:58:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dig-stuttgart.net\/?p=2847"},"modified":"2021-10-17T01:14:00","modified_gmt":"2021-10-16T23:14:00","slug":"offener-brief-an-die-abgeordneten-des-landtags-baden-wu%cc%88rttemberg-zum-antisemitismus-bericht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dig-stuttgart.net\/?p=2847","title":{"rendered":"Offener Brief an die Abgeordneten des Landtags Baden-Wu\u0308rttemberg zum Antisemitismus-Bericht"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.dig-stuttgart.net\/wp-content\/uploads\/logo_250.png\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"200\" class=\"alignright size-full wp-image-2014\" srcset=\"http:\/\/www.dig-stuttgart.net\/wp-content\/uploads\/logo_250.png 250w, http:\/\/www.dig-stuttgart.net\/wp-content\/uploads\/logo_250-150x150.png 150w, http:\/\/www.dig-stuttgart.net\/wp-content\/uploads\/logo_250-60x60.png 60w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><strong>Offener Brief an die Abgeordneten des Landtags Baden-Wu\u0308rttemberg zum 1. Bericht des Beauftragten der Landesregierung Baden-Wu\u0308rttemberg gegen Antisemitismus<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehr geehrte Frau Abgeordnete \/<br \/>\nsehr geehrter Herr Abgeordneter,<\/p>\n<p>die Deutsch-Israelische Gesellschaft Region Stuttgart e.V. bedankt sich herzlich fu\u0308r Ihre Initiative, in Baden-Wu\u0308rttemberg einen Beauftragten des Landes gegen Antisemitismus zu berufen. Den ersten Bericht, den Dr. Michael Blume nun vorgelegt hat, scha\u0308tzen wir als sehr bedeutsam ein. Es ist ein Meilenstein im Kampf gegen Antisemitismus in Baden- Wu\u0308rttemberg.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal in der Geschichte Baden-Wu\u0308rttembergs liegt nun eine staatliche Analyse des aktuellen Antisemitismus auf dem Tisch. Sie macht deutlich, dass Antisemitismus nicht la\u0308nger nur als Rassismus begriffen werden darf, sondern Verschwo\u0308rungsdenken und Hass auf Israel die besondere Gefahr ausmachen. Ju\u0308dinnen und Juden werden nicht als unterlegen wahrgenommen, wie andere Gruppen im gewo\u0308hnlichen Rassismus. Die antisemitische Denkweise halluziniert \u201edie Juden\u201c als u\u0308berma\u0308chtig und die Welt beherrschend, und projiziert alles Bo\u0308se auf sie und den ju\u0308dischen Staat.<\/p>\n<p>Wir begru\u0308\u00dfen deshalb besonders, dass der Bericht sich die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zu eigen macht (Seite 9 des Berichts). Sie wurde mittlerweile von 32 Mitgliedsstaaten unterzeichnet, darunter die meisten EU-La\u0308nder, sowie Bundesregierung und Bundestag. Wir empfehlen, sich die vollsta\u0308ndige Definition anzuschauen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.holocaustremembrance.com\/de\/node\/196\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.holocaustremembrance.com\/de\/node\/196<\/a><\/p>\n<p>Die Definition unterscheidet zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus und sie nennt aktuelle Beispiele von Antisemitismus, darunter allein sieben aus dem Bereich des israelbezogenen Antisemitismus:<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<ul>\n<li>Der Vorwurf gegenu\u0308ber den Juden als Volk oder dem Staat Israel, den Holocaust zu erfinden oder u\u0308bertrieben darzustellen.<br \/>\n&nbsp;<\/li>\n<li>Der Vorwurf gegenu\u0308ber Juden, sie fu\u0308hlten sich dem Staat Israel oder angeblich bestehenden weltweiten ju\u0308dischen Interessen sta\u0308rker verpflichtet als den Interessen ihrer jeweiligen Heimatla\u0308nder.<br \/>\n&nbsp;<\/li>\n<li>Das Aberkennen des Rechts des ju\u0308dischen Volkes auf Selbstbestimmung, z.B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen.<br \/>\n&nbsp;<\/li>\n<li>Die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet oder gefordert wird.<br \/>\n&nbsp;<\/li>\n<li>Das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen (z.B. der Vorwurf des Christusmordes oder die Ritualmordlegende), um Israel oder die Israelis zu beschreiben.<br \/>\n&nbsp;<\/li>\n<li>Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten.<br \/>\n&nbsp;<\/li>\n<li>Das kollektive Verantwortlichmachen von Juden fu\u0308r Handlungen des Staates Israel.<br \/>\n&nbsp;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der israelbezogene Antisemitismus ist heute die dominierende Spielart des Hasses gegen Juden, wie beispielsweise die Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz- Friesel und der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Samuel Salzborn nachweisen. Ob das auch fu\u0308r Baden-Wu\u0308rttemberg gilt, ist anhand des im Bericht zusammengetragenen Datenmaterials nicht ersichtlich. Doch das folgende (bundesweite) Ergebnis der FES-Mitte Studie 2016 la\u0308sst vermuten, dass auch in Baden-Wu\u0308rttemberg der israelbezogene Antisemitismus unter den Anha\u0308ngerInnen aller Parteien \u2013 also quer durch die Gesellschaft \u2013 weit verbreitet und deutlich ausgepra\u0308gter ist als der klassische.<\/p>\n<p>Wir unterstu\u0308tzen deshalb das Vorhaben des Beauftragten, die Datenlage und die Forschung zu antisemitischen Einstellungen in Baden- Wu\u0308rttemberg zu verbessern (Seite 23 des Berichts). Wir empfehlen, den Schwerpunkt dabei insbesondere auf Fragen zum israelbezogenen Antisemitismus zu legen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Einige Empfehlungen des Beauftragten wollen wir im Folgenden kommentieren.<\/strong><\/p>\n<p>Ein <b>Baden-Wu\u0308rttembergisch-Israelisches Begegnungswerk<\/b> fu\u0308r Dialog und Austausch (Seite 57) aufzubauen, halten wir fu\u0308r ein sehr wichtiges Vorhaben. Es verdient hohe ideelle und finanzielle Wertscha\u0308tzung der baden-wu\u0308rttembergischen Institutionen. Wir wollen es als Deutsch-Israelische Gesellschaft nach Kra\u0308ften unterstu\u0308tzen und bieten unsere Kooperation hiermit an.<\/p>\n<p><b>Schulbu\u0308cher<\/b> auf antisemitische Darstellungen deutsch-ju\u0308discher Geschichte zu pru\u0308fen (Seite 42), ist unbedingt erforderlich. Wir wu\u0308nschen uns, dass dabei auch ein Augenmerk auf israelfeindliche bzw. schiefe Bilder u\u0308ber Israel gelegt wird. Unsere Pru\u0308fung hat hier erheblichen Korrekturbedarf ergeben. Siehe DIG-Broschu\u0308re \u201ePa\u0308dagogik des Ressentiments \u2013 Das Israelbild in deutschen Schulen und Schulbu\u0308chern\u201c zum Herunterladen www.digev.de, rechte Spalte unten. Gerne senden wir Ihnen auch gedruckte Exemplare zu.<\/p>\n<p>Dass im Kapitel \u201eIsraelfeindlichen Antisemitismus stoppen\u201c (Seite 54) die <b>Nakba-Ausstellung<\/b> erwa\u0308hnt wird, halten wir fu\u0308r richtig. Denn Die Nakba-Ausstellung ist Teil der weltweiten &#8222;Boycott, Divest and Sanction\u201c \u2013 Kampagne BDS. Nicht von ungefa\u0308hr wird die Ausstellung sehr oft im Zusammenhang mit BDS-Aktivita\u0308ten gezeigt. Die Nakba-Ausstellung ruft zwar nicht zum Boykott Israels auf, sie propagiert jedoch zwei zentrale Mythen, die wie die BDS- Kampagne gegen die Existenz Israels zielen. Die rechtlichen Grundlagen der Staatsgru\u0308ndung werden in Frage gestellt und ein sogenannter Ru\u0308ckkehranspruch pala\u0308stinensischer Flu\u0308chtlinge wird behauptet. Die Existenzberechtigung Israels in Frage zu stellen, ist das zentrale Angriffsmuster des modernen Antisemitismus. Dass Israel gegru\u0308ndet wurde, ist eine gro\u00dfe Errungenschaft. Nach 2.000 Jahren Verfolgung und Ermordung sind Ju\u0308dInnen heute mit Hilfe des Staates in der Lage, sich selber gegen Antisemitismus zu wehren. Die Ausstellung bewertet den Erfolg abscha\u0308tzig als \u201eisraelisches Versta\u0308ndnis dieses Zeitabschnitts\u201c. Sie unterschla\u0308gt, dass Israel eine Erfolgsgeschichte auch fu\u0308r seine arabischen Einwohner ist. In keinem anderen Land im Nahen Osten genie\u00dfen arabische MuslimInnen mehr Menschenrechte und einen ho\u0308heren Lebensstandard als in Israel. Das pala\u0308stinensische Leid, das die Ausstellung beklagt, entstand nicht durch die Gru\u0308ndung des ju\u0308dischen Staates. Ursa\u0308chlich ist der Judenhass, der die pala\u0308stinensische Seite antreibt die Existenz Israels mit Krieg und Terror zu beka\u0308mpfen.<\/p>\n<p>Die Nakba-Ausstellung sollte deshalb nicht mehr gezeigt werden. Gerne sind wir bereit, u\u0308ber die Problematik der Ausstellung na\u0308her zu informieren. Zum besseren Versta\u0308ndnis des israelisch-arabischen Konflikts lohnt es sich die Ausstellung 1948 zu zeigen; sie erkla\u0308rt die Ereignisse und durchleuchtet die antisemitischen Mythen rund um die Staatsgru\u0308ndung Israels. Bitte kommen Sie auf uns zu, wenn Sie Interesse haben, u\u0308ber die Ausstellung 1948 informiert zu werden bzw. sie in Ihrem Wahlkreis zu zeigen. Wir wu\u0308nschen uns Ihre Empfehlung und finanzielle Unterstu\u0308tzung, um die Ausstellung 1948 an vielen Schulen und Hochschulen zeigen zu ko\u0308nnen.<\/p>\n<p>Wir sind schon sehr gespannt auf Ihre Debatte zum Antisemitismusbericht im Landtag. U\u0308ber eine Einladung, die Debatte als Zuho\u0308rerInnen zu verfolgen, wu\u0308rden wir uns sehr freuen. Wir stehen Ihnen jederzeit fu\u0308r Gespra\u0308che zur Verfu\u0308gung, &#8211; auch u\u0308ber strittige Fragen rund um Israel.<\/p>\n<p>Gerne organisieren wir in Absprache mit Ihnen eine Veranstaltung in Ihrem Wahlkreis oder vermitteln Referentinnen und Experten aus Israel.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gru\u0308\u00dfen,<br \/>\nBa\u0308rbel Illi<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Offener Brief an die Abgeordneten des Landtags Baden-Wu\u0308rttemberg zum 1. Bericht des Beauftragten der Landesregierung Baden-Wu\u0308rttemberg gegen Antisemitismus &nbsp; Sehr geehrte Frau Abgeordnete \/ sehr geehrter Herr Abgeordneter, die Deutsch-Israelische Gesellschaft Region Stuttgart e.V. bedankt sich herzlich fu\u0308r Ihre Initiative, in Baden-Wu\u0308rttemberg einen Beauftragten des Landes gegen Antisemitismus zu berufen. 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